text

Erich Franz

Das Berührende an Sumi Kims Bildern

Die Bilder von Sumi Kim entstehen gewissermaßen vor den Augen des Betrachters. Es ist da noch viel Weiß, die Linien und Flächenbahnen haben Raum, sich zu bewegen, sie laufen in dieses Weiß hinein. Alles ist im Prozess, an keiner Stelle gibt es einen Stillstand. In langen Zügen fahren Linien über das Weiß, man spürt das Verlaufen und auch das Zögern, den Schwung und auch das Brüchige, das Sich- weiter-Tasten – man spürt jeden Moment der Linie oder der Flächenbildung. Man spürt ein Fortsetzen und Weiterdrängen – durch Ähnlichkeiten und Vernetzungen, manchmal engmaschiger geknüpft, manchmal locker auseinandergezogen oder tänzerisch aufeinander reagierend. Wo breitere Flächen auftauchen, bewegen sie sich ebenfalls, brechen aus ihrer Richtung aus und begegnen zarten und verhaltenen Partien. In einem Bild ballt sich ein dunkelgrünes Energiebündel aus dichten Pinselspuren zusammen – und nach rechts unten zum Rand hin verdünnt es sich, wird transparent und zart.

Das Weiß ist ausgedehnt, aber nicht ruhig, an den Bildrändern wirkt es wie abgeschnitten und bei den Linien und Flächen durchdringt das Weiß als Zwischenraum oder als Aufhellung deren Dunkelheit. Manchmal verlaufen breite weiße Bänder über eine Linienzeichnung hinweg und verdecken sie teilweise. Bisweilen taucht die lineare Zeichnung in den Grund ab – wie in einen weißen Nebel; die Linienverläufe werden zunehmend von einer transparenten weißen Schicht überdeckt. In dieser Aktivität des leeren Weiß und in dieser zentralen Bedeutung des Übergangs zeigen sich fernöstliche Verhaltens- und Denkweisen. Sie verbinden sich in der Malerei von Sumi Kim mit der Freiheit einer westlichen Malerei, die durch nichts anderes wirkt als durch ihre eigenen malerischen Mittel.

Das ist das Berührende an den Bildern von Sumi Kim: Alles ist im Werden, es gibt keine Absicherung durch den Anschein eines Abschlusses. Nichts, was wir sehen, bestätigt sich selbst – etwa durch eine geklärte Form oder eine bestimmende Regel. Man spürt das Unabgesicherte, das offenkundige Zögern und immer neue Ansetzen. Man spürt die Nachdenklichkeit und Schutzlosigkeit jeder Aktion, jeden Weitergehens und Abbrechens. In diesem Offenhalten der Prozesse zeigt sich aber auch eine unbedingte Entschlossenheit und Nachdrücklichkeit – nämlich: alles im Prozess zu halten, aufzuhören, bevor etwas fest wird, keiner Wiederholung zu trauen. Es gibt von Sumi Kim keine Wiederholungen, keine Serie. Sie besitzt kein Rezept. Nur wenige Arbeiten entstehen, mit langen Pausen dazwischen.

Bei jedem neuen Bild geht Sumi Kim den Malprozess so an, als würde sie ihn zum ersten Mal ausführen. Ihr malerisches Können besteht nicht zuletzt in dieser konsequenten Abwehr eines vorgebahnten Wegs. Als Betrachter spüren wir diese besondere Vorgehensweise unmittelbar, in ihr besteht der Inhalt des Bildes. Nur so, in dieser Unabgeschlossenheit und Unabschließbarkeit, führt jedes einzelne Bild den Betrachter in eine sehr persönliche Bewegung hinein, die er hier – beim Ansehen dieses einen Bildes – zum ersten Mal erlebt.